Tierklinik St. Pölten / Hüftgelenksdysplasie
Hüftgelenksdysplasie2020-03-26T00:08:38+00:00

Dr. Wiebogen-Wessely, Dipl. ECVS

Chirurgie und Orthopädie

Hüftgelenksdysplasie (HD)

Zusammenfassung

Die Hüftgelenksdysplasie des Hundes (HD) ist eine entwicklungsbedingte Erkrankung mit einer erblichen Komponente, die durch eine Inkongruenz zwischen Oberschenkelkopf und Hüftgelenkspfanne charakterisiert ist. Eine HD entwickelt sich während der Wachstumsphase als Folge verschiedener Einflüsse und führt zur Instabilität und Inkongruenz.

Ursachen

Ein primärer Risikofaktor für die Entwicklung einer späteren Arthrose im Hüftgelenk ist die sogenannte „Hüftgelenkslaxizität“, kurz „Lockerheit“ des Hüftgelenks. Bei der Geburt sind die Hüftgelenke des Hundes normal ausgebildet. Kommt es während der Entwicklung zu einer vermehrten Lockerheit der Hüftgelenke, sind die ersten Veränderungen bereits 30 Tage nach der Geburt erkennbar. Was folgt ist ein Teufelskreislauf: aufgrund der vermehrten Lockerheit im Hüftgelenk kommt es während dem normalen Bewegungszyklus zu einer teilweisen Ausrenkung des Hüftgelenks – frühzeitige Abnutzung des Knorpels an der Hüftgelenkspfanne und des Oberschenkelkopfes sowie eine Abflachung der Gelenkspfanne sind die Folge. Junghunde mit einem hohen Grad einer Lockerheit im Hüftgelenk zeigen somit ein deutlich vermehrtes Risiko für die Entwicklung einer Osteoarthritis und somit einer späteren Hüftgelenksdysplasie.

HD ist eine Krankheit, in der genetische Einflüsse und Umwelteinflüsse eine Rolle spielen und ihren Schweregrad mitbestimmen.

Die Vererbung hängt von mehreren Genen ab und wird darum als polygen bezeichnet. Die Krankheit kann vom Elterntier auf einen Nachkommen übertragen werden, auch wenn das Elterntier selbst keine Hüftgelenkdysplasie zeigt. Nicht jedes genetisch betroffene Tier zeigt eine Symptomatik. Der Genpool der Elterntiere kann nur dann als komplett HD – frei angesehen werden, wenn nicht nur sie, sondern auch alle Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten nicht betroffen sind. Daraus folgt, dass, um herauszufinden ob ein klinisch gesunder Hund auch ein genetisch nicht belasteter Zuchthund ist, es notwendig wäre seinen Genpool und den seiner ganzen Verwandtschaft genau zu analysieren. Eine nachgewiesene Rasseprädisposition für HD besteht zum Beispiel beim Deutschen Schäferhund, bei Rottweiler, Boxer, Golden- und Labrador Retriever, Bernhardiner, Neufundländer und Berner Sennenhund.

In die Ausbildung des Schweregrades der Krankheit involviert sind Umweltfaktoren wie Fütterung, Art und Menge der Bewegung, Traumen und potentielle weitere Krankheiten. Untersuchungen haben gezeigt, dass HD insbesondere durch zu hohes Körpergewicht und zu hohe Wachstumsgeschwindigkeit verstärkt werden kann. Eine wesentliche Rolle spielen der Energiegehalt des Futters, exzessive Zufütterung von Kalzium- und anderen Mineralstoffen (Phosphor) sowie Vitaminen (D und C). Diese Faktoren spielen eine Rolle für den Grad der Dysplasie und somit den Schweregrad der Krankheit, allerdings ändern sie nichts an der An- und Abwesenheit der der Hüftgelenkdysplasie zugrunde liegenden Veränderungen.

Symptome

Die Symptome sind häufig vielgestaltig, wenig spezifisch und einerseits vom Schweregrad der Veränderungen sowie der Störung der Hüftgelenkfunktion und andererseits vom Alter des Patienten abhängig.

Klassischerweise werden zwei große Altersgruppen unterschieden, die unterschiedlich ausgeprägte Symptome zeigen.

  • 4 – 8 Monate alte Hunde: Gehstörung wie Breitbeinigkeit mit „watschelndem Gang“, extreme Steilstellung in den Sprunggelenken durch Verlagerung des Gewichtes auf die Vorderextremitäten, sowie ein sogenanntes „bunny hopping“ im Galopp, sprich ein gleichzeitiges Aufsetzen beider Hinterbeine.
  • Mittelalte – ältere Hunde: verminderte Aktivität, Lahmheit, Schwierigkeiten beim Aufstehen sowie verkleinerter Bewegungswinkel des Hüftgelenks. Die passive Bewegung des Hüftgelenks ist schmerzhaft. Durch die schmerzbedingte Schonung der Hinterextremitäten entsteht eine Inaktivitätsatrophie der Muskulatur.

Diagnose

Die Diagnostik beginnt mit einer genauen klinisch-orthopädischen Untersuchung. Hierbei werden vor allem das Gangbild und die Bemuskelung beurteilt. Für die im Anschluss folgenden Untersuchungen (spezielle orthopädische Untersuchung, spezielle Röntgenaufnahmen) ist eine Kurznarkose erforderlich, damit die Muskeln gut entspannt sind und dem Tier nicht wehgetan wird.

Die Hüftgelenksdysplasieuntersuchung erfolgt immer in Sedation oder Narkose in genau vorgegebener standardisierter Lagerung. Der Patient liegt auf dem Rücken, die Hinterextremitäten werden parallel zueinander nach hinten gestreckt und soweit wie möglich nach innen rotiert. Eine Symmetrie der Lagerung ist obligat, um genaue Messungen durchführen zu können.

Folgende Veränderungen sind einzeln oder in Kombination sichtbar:

  • Subluxation des Oberschenkelkopfes
  • Abflachung der Gelenkpfanne (besonders des vorderen Randes)
  • Valgusstellung des Oberschenkelhalses
  • Abflachung des Oberschenkelkopfes
  • Auswärtskrümmung des Oberschenkels
  • Knöcherne Zubildungen (Osteophyten) am vorderen Pfannenrand und am Übergang vom Oberschenkelkopf zum Oberschenkelhals

Therapie

Abhängig von den Symptomen, vom Röntgenbefund und unter Berücksichtigung von Alter, Größe, Gewicht, Bemuskelung, Verwendungszweck, allgemeinen Gesundheitszustand, finanzieller Situation und der Kooperationsbereitschaft des Tierbesitzers unterscheidet man grob eine konservative und chirurgische Therapie der Hüftgelenksdysplasie.

Konservative Behandlung: ohne OP

Eine konservative Behandlung ist multimodal und setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen.

  • Initiale Ruhigstellung über 3-4 Wochen
  • Gewichtsreduktion
  • Physiotherapie
  • Kontrollierte Bewegung
  • Medikamentöse Therapie

Chirurgische Behandlung

Grundsätzlich muss zwischen Operationstechniken bei jungen Patienten ohne Sekundärarthrose und bei adulten Patienten mit Sekundärarthrose unterschieden werden. Auf die etablierten chirurgischen Techniken bei jungen Patienten wird im Lexikonartikel „Früherkennung HD“ näher eingegangen.

Künstliches Hüftgelenk: Das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks gilt als Goldstandard für die Therapie einer schweren HD. Bei dieser hochspezialisierten Operationstechnik werden die Gelenkpfanne, der Oberschenkelkopf- und -hals durch entsprechende Implantate ersetzt. Wie in der Humanmedizin werden zwischen zementierten- und nichtzementierten Implantatsystemen unterscheiden, wobei derzeit den nichtzementierten Endoprothesen der Vorzug gegeben wird. War der Hüftgelenkersatz früher nur für Hunde mit einem Körpergewicht von über 20kg möglich, existieren mittlerweile auch Systeme, welche diese Operation bei kleinen Hunderassen, Miniaturrassen und sogar Katzen ermöglichen.

Femurkopf- und -halsresektion: Die Femurkopf- und -halsresektion ist die unumkehrbare Entfernung von Oberschenkelkopf und -hals und führt zu einer Eliminierung des schmerzhaften Knochenkontaktes von Oberschenkelkopf und Becken. Funktionell kann es durch Fehlen des Gelenks zu einer Verkürzung der Gliedmaße und einer eingeschränkten und zum Teil immer noch schmerzhaften Bewegung im Hüftgelenk kommen.

Palliative chirurgische Methoden: dazu gehören die Pektineusmyektomie, die kombinierte Pektineusmyektomie mit Iliopsoastenotomie sowie eine Denervation der Gelenkkapsel. All diese Techniken haben die Schmerzreduktion zum Ziel, allerdings konnte deren Effektivität derzeit nicht ausreichend in objektiven Studien gezeigt werden. Von diesen Techniken ist daher aus wissenschaftlicher Sicht abzuraten. Gleiches gilt für die Implantation von Goldimplantaten.

Prognose

Ohne jeglicher Therapie ist die Prognose aufgrund der fortschreitenden Osteoarthrose ungünstig.

Hüftgelenkendoprothese: bei unkompliziertem Verlauf erlaubt eine Hüftgelenkendoprothese eine sehr gute Gliedmaßenfunktion. Mittels Ganganalyse konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass das operierte Bein bereits nach 3 Monaten wieder normal belastet wurde. Die häufigsten Komplikationen umfassen Luxationen, Infektionen, Implantatlockerungen, Lungenembolien sowie Schädigungen des Ischias Nervs.

Femurkopf- und -halsresektion: Chronische Erkrankungen mit Muskelatrophie benötigen generell eine wesentlich längere Zeitdauer (6-12 Monate) bis zu einem guten funktionellen Resultat. Mittels Laufbandanalysen wurden in einer großen Studie bei lediglich 38% der untersuchten Tiere (Hunde und Katzen) gute Ergebnisse erzielt. Die meisten Tiere erlangen auch nach Jahren keine normale Funktion und Muskelmasse der operierten Gliedmaße.

Quellen

  • Johnston SA & Tobias KM (2018): Veterinary surgery small animal. Elsevier, St. Louis, 2nd ed.
  • Smith GK, Paster ER, Powers MY et al. Lifelong diet restriction and radiographic evidence of osteoarthritis oft he hip joint in dogs. J Am Vet Med Assoc 2006; 229: 690 – 693
  • Off W, Matis U. Resektionsarthroplastik des Hüftgelenks bei Hunden und Katzen. Klinische, röntgenologische und ganganalytische Erhebungen an der Chirurgischen Tierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Tierärztl Prax 1997; 25: 379 – 387
  • Kohn B, Schwarz G (2018): Praktikum der Hundeklinik. Enke, Stuttgart, 12te ed.